Erst das Rheumabad, dann Tanz und Spiel im Kurpark

Franz Peter Sigel verhalf dem Badebetrieb in Langenbrücken zu dauerhaftem Aufschwung

Damen in Samtroben an Kaffeetischen, Kapellen, die zum Tanz aufspielen, Billard spielende Männer, flanierende russische Fürsten – wer heute den stillen Kurpark in Langenbrücken besucht, kann sich kaum vorstellen, welch reges Treiben hier im 19. Jahrhundert herrschte. Nach seiner ersten Blütephase von 1766 bis 1778 unter Fürstbischof von Hutten, kaufte Franz Peter Sigel 1824 den Badebetrieb und verhalt ihm zu neuem Glanz.

Krug-Verkaufsstellen in Bruchsal, Heidelberg und Karlsruhe

Sigel entstammte einer alteingesessenen Bruchsaler Familie, sein Vater betrieb den Goldenen Bären. Sigel war mit Magdalena Kraus verheiratet, der Tochter des Amtsmanns Oberöwisheim und ein sehr vermögender Kaufmann. 50.000 bis 80.000 Gulden wollte er in das Bad investieren – eine Summe, welche die badische Verwaltung und den Großherzog von Baden überzeugte, ihm das Privileg für die Betreibung eines Badebetriebs in Langenbrücken allein zu genehmigen. Denn gleichzeitig mit Sigel hatte auch ein Andreas Buchmüller aus Mingolsheim die Erlaubnis  beantragt, auf seinem Grundstück bei der Buchmühle, auf dem sich eine der im 18. Jahrhunderte entdeckten Mingolsheimer Schwefelquellen befand, ein kleines Bad zu errichten. Gleichzeitig beantragte die Gemeinde Mingolsheim staatlichen Zuschuss, um nach einer weiteren Quelle bohren zu dürfen und im Erfolgsfall ein Bad zu betreiben. Doch diese Anträge wurden abgelehnt. Buchmüller aus Mingolsheim wurde lediglich erlaubt, sein Wasser zum Trinken zu verkaufen. Das machte er recht großzügig und richtete sogar Krug-Verkaufsstellen in Bruchsal, Heidelberg und Karlsruhe ein.

Das Amalienbad in Langenbrücken entsteht


Franz Peter Sigel indessen baute das Bad in Langenbrücken aus, errichtete als gesellschaftliches Zentrum ein Kurhaus im klassizistischen Weinbrennerstil sowie eine Trinkhalle und machte aus dem Gelände eine Gartenanlage mit Promenade samt achteckigem Pavillon. Er nannte das Bad nach der Markgräfin Amalie von Baden – ein kluger Schachzug, um so die Gunst des Herrscherhauses zu gewinnen. Die Markgräfin besuchte das Bad mehrmals von ihrem Witwensitz in Bruchsal aus.
Durch eine Broschüre des Langenbrückener Arztes Dr. Lutz, in dem die Heilwirkungen des Wassers und der Kurbetrieb beschrieben waren sowie diverse Berichte in der Lokalpresse, sorgte Sigel für zusätzliches Marketing. Bereits 1825 zählte das Bad 330 Gäste. Gast- und Privathäuser waren ständig belegt. Hinzu kam eine große Anzahl an Ausflugsgästen an den Wochenenden, denn Sigel bot an Sonn- und Feiertagen Musik und Tanz an. Im Kurhaus spielten die Gäste Billard, kegelten, machten Gymnastikstunden oder lasen in der Bibliothek.

Glücksspiel war verboten, doch immer wieder tauchte irgendwo ein Roulettespiel auf, so dass 1825 das Innenministerium das Oberamt Bruchsal rügte, warum es nicht gelang, diesen „Unfug“ in Langenbrücken zu unterbinden, sei es doch „für die Akademiker von Heidelberg allzu verderblich.“

Badekuren aus Langenbrücken für Gäste aus ganz Europa

Medizinisch behandelt wurden hauptsächlich Hautkrankheiten, Rheuma, Gicht, Lungen- und Atemwegserkrankungen. Durch das Versenden von Krügen ermöglichte Sigel es auch Patienten, die weit weg wohnten, drei bis vier Wochen eine Trinkkur einzuführen. 1828 wurde der erste Assistenz- und Badearzt vom Staat bestellt, der den Gästen permanent zur Verfügung stand. Die Badeärzte wechselten häufig, da sie als Assistenzärzte am Anfang ihrer Karriere standen. In Übergangszeiten musste das Bad immer wieder von Bruchsal aus ärztlich versorgt werden musste. Für das Schröpfen, Aderlassen oder Klistiersetzen war ein Wundarzt oder Chirurg zuständig.

Die Gäste stiegen auf 1000 pro Jahr, wiederholt waren darunter ein russischer Großfürst und ein italienischer Marchese sowie diverse Engländer – war doch Langenbrücken positiv im „Handbuch für Reisende auf dem Kontinent“ erwähnt. Nach Sigels Tod 1841 übernahm Sohn Karl Sigel den Badebetrieb und erweiterte ihn nochmals. 1848 entstand ein überdachter Verbindungsgang zwischen Bad und Trinkhalle, so dass die Gäste auch bei Regen geschützt waren. Der Bau der Eisenbahnlinie Karlsruhe-Heidelberg 1843 erleichterte die Anreise von auswärts. Nach einer Krise während der Revolution 1848/49, verhalf der engagierte Badearzt Dr. Eimer, der eine Werbeschrift zum „Schwefelbad Langenrücken“ verfasste und allerlei Ideen zur Hebung des Bades, bis hin zu einer Ziegenzucht hatte, dem Bad zu neuem Schwung.

Um die Jahrhundertwende kamen andere Bäder in Mode und der Besitzer erkrankte langjährig. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde der Betrieb vorübergehend bis 1926 eingestellt. 1937 kam es durch die Inbetriebnahme der neuen Franz-Peter-Sigel-Quelle nochmals zu einem Aufschwung.

Nach dem Schwefelbad eine Stunde Bettruhe - Kuren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts