Gemeindenachricht

„Ihr seid nicht vergessen!“


Bad Schönborn (bsr). „Die Steinchen auf den Gräbern bedeuten: Ihr seid nicht vergessen!“ erklärt Karl Günther den Brauch, kleine Steine beim Besuch auf Gräber jüdischer Mitbürger zu legen. So einen „Stein“ stellt die Dokumentation über den ehemaligen jüdischen Friedhof in Mingolsheim dar. Die Gemeinde habe mit der Herausgabe der 158 Seiten starken Dokumentation“ im Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ einen wichtigen Beitrag wider das Vergessen geleistet.

Den Stein für dieses Buch ins Rollen brachte Pfarrer i. R. Hans-Georg Schmitz, der vor knapp 10 Jahren durch die Aktion „Zeichen setzen“ in seiner damals neuen Wahlheimat Bad Schönborn auf das Kleinod „Jüdischer Friedhof“ gestoßen sei. „Meine ganze Generation hat nichts vom jüdischen Leben in Deutschland mitgekriegt“, erklärt der 75-Jährige. „Wir sind um diesen Teil betrogen worden.“ Es sei ihm ein Anliegen, den Nazis nicht Recht zu geben. Sie wollten die Juden nicht nur vertreiben, sondern auch die Erinnerung an die Menschen und die reiche jüdische Kultur auslöschen. Mit der Dokumentation aller 155 Grabstätten des Friedhofes – auf dem Gemeindemitglieder aus Malsch, Östringen, Mingolsheim und Langenbrücken bestattet wurden – will er ein Zeichen gegen das Vergessen setzen. Das Buch enthält neben einer Einführung zum Friedhof auch eine Übersichtskarte und durchgängig farbige Fotos der einzelnen Gräber.
Hocherfreut war Hans-Georg Schmitz, dass die Gemeinde Bad Schönborn das Vorhaben wohlwollend unterstützte und ihm die intensiven Recherchen ermöglichte. So sind in der Dokumentation zu den Fotos auch die Übersetzung der hebräischen Inschriften, die von Karl Günther übersetzt wurden, aufgeführt. Auch Informationen über die Personen, ihre Werdegänge und Lebensumstände sind wiedergegeben.

Auf den Grabsteinen werden keine Geburtstage, sondern das Sterbedatum nach dem jüdischen Kalender genannt. Dies soll es den Angehörigen erleichtern, am Jahrestag das Kaddisch – ein Gebet für das Seelenheil der Verstorbenen – zu sprechen. Auch werden der Name des Vaters und der Ort, wo der Verstorbene lebte, genannt. Letzteres auch mal „im Dialekt“ oder angepasster Schreibweise – zum Beispiel Östringen mit „E“ am Anfang. Während vor einigen Jahren das Umrechnen der jüdischen Kalenderdaten noch mithilfe von Tabellen viel Zeit in Anspruch nahm, könne man heute mit Apps sehr schnell die Termine „umrechnen“, so Karl Günther.

Lesenswert sind auch die Charakterisierungen, die in den Inschriften die Verstorbenen portraitieren. So liest man über Wilhelm Wolf, der mit 27 Jahren starb, er war „ein Jüngling, liebenswert und gut, hoch gebildet, der Gelehrte Benjamin, Sohn des Herrn Meir, in seinen Taten war zu erkennen sein Werk, denn lauter und aufrichtig war sein Ziel… denn noch während er in seiner Blüte war, wurde vom Tod er gepflückt...“. Mina Mai, die mit 68 Jahren verstarb, sei „eine tatkräftige Frau, Zierde ihres Mannes und ihrer Kinder, makellos und aufrichtig in ihren Taten… eine Frau, gottesfürchtig all ihre Tage“ gewesen. „Die Beschreibungen der Menschen sind auch eine Belehrung und Weisung für die nachfolgende Generation“, erklärt der 82-jährige Theologe Dr. Günther, der in Heidelberg altorientalische Sprachen lehrte und als Experte über das Judentum in Deutschland gilt.

Da jüdische Mitbürger kein Handwerk ausüben durften, wurden die Grabsteine in der Regel von christlichen Steinmetzen erstellt. Die sich oft ähnelnden hebräischen Buchstaben wurden dadurch auch mal falsch wiedergegeben, so dass in der Übersetzung der Grabsteine auch immer wieder auf „Fehler des Steinmetz“ hingewiesen wird.

Die Gemeinde könne stolz auf dieses Werk sein. Es wurde von Verwaltungsmitarbeiterin Sandra Schreiner-Schelhorn gedruckt und in einer Erstauflage von 100 Stück im Haus mit ansprechendem Einband gebunden. „Auf diese Weise sind wir flexibel und können bei Bedarf nachproduzieren“, betont Bürgermeister Klaus Detlev Huge, der das Werk als Mahnmal für die „verlorene und vertriebene Kultur“ sieht und hofft, dass diese Dokumentation diese Geschichte „wieder ans Licht tragen wird“.

Das Buch ist im örtlichen Buchhandel und bei den Gemeindeverwaltungen in Malsch, Östringen und Bad Schönborn zum Preis von 15 Euro erhältlich. Eine Bestellung ist auch per E-Mail an zusammen-leben@bad-schoenborn.de möglich.
Hans-Georg Schmitz freut sich, dass auch Angehörige nun durch die Dokumentation mehr über ihre Familien erfahren können. Vieles drohe sonst in Vergessenheit zu geraten, da die Grabstätten – die nie aufgegeben werden dürfen – dem Verfall geweiht sind.

Man dürfe nicht vergessen, dass die jüdischen Bürgerinnen und Bürger damals sehr sozial eingebunden waren und oftmals wohltätige Stiftungen hatten, die auch nicht-jüdische Ortsansässige unterstützten.
Traurig hingegen stimmte es die beiden Autoren, dass der Friedhof – wie so viele religiöse Einrichtungen – heutzutage geschützt werden müsse und nicht mehr frei zugänglich sein kann.

Bürgermeister Klaus Detlev Huge (links) überreicht den beiden Autoren Karl Günther (Mitte) und Hans-Georg Schmitz (rechts) die druckfrischen Exemplare ihrer Dokumentation über den jüdischen Friedhof.

Bürgermeister Klaus Detlev Huge (links) überreicht den beiden Autoren Karl Günther (Mitte) und Hans-Georg Schmitz (rechts) die druckfrischen Exemplare ihrer Dokumentation über den jüdischen Friedhof. Das Buch wurde von der Gemeinde in Kleinstauflage herausgegeben.