Gemeindenachricht

Es geschah... 1972

Wir feiern Jubiläum - anders als geplant!

1972


Es gab viel zu tun im jungen Bad Mingolsheim-Langenbrücken: Schon am 20.02.72 stimmten die Bürger*innen in einer Anhörung über den neuen Namen ab. Von 5004 Wahlberechtigten traten 746 an die Urnen. Bad Heilsberg (39 Stimmen), Bad Kraichbronn und Bad Neubrunn (je 67 Stimmen) landeten abgeschlagen hinter Bad Kislau (138) und Bad Kieselau (176). Als Sieger ging Bad Schönborn mit 209 Stimmen hervor, und das obwohl z.B. der Gewerbeverein darum gebeten hatte, von einer Umbenennung abzusehen, denn es würde Jahrzehnte dauern, bis der neue Name sich etabliere. Mit dem Erlass vom 07.08.72 trat der neue Name mit der gemeinsamen Postleitzahl 7525 in Kraft.

Prägend für das Jahr waren die regen Vereinstätigkeiten und so nahmen die Vereinsberichte den meisten Platz in den Mitteilungsblättern ein. Ob Kostümball bei den Schützen (Eintritt 2,- DM) oder neues Kinderfasching des Kur- und Verkehrsverein (KuVV), ob Aufbau von Jugendkapellen in beiden Musikvereinen oder einjähriges Jubiläum des Altenwerks an St. Vitus, ob "Kaffee- und Plauderstündchen" des Frauenvereins oder Ornika-Vogelausstellung erstmalig in der Festhalle - die Vereine prägten das soziale Leben.

So besuchten 101 Sänger und Ehefrauen des Cwmbran Male Choirs aus Wales ihre Freunde beim MGV Eintracht und gaben Konzerte in beiden Ortsteilen.

Cwmbran Male Choir Verabschiedung LA
Herzliche Verabschiedung des Cwmbran Male Choirs auf dem Vorplatz der Kraichgauhalle in Langenbrücken im September 1972. (Foto: MGV Eintracht Langenbrücken im Gemeindearchiv Bad Schönborn)

Der MGV Konkordia feierte sein 90-jähriges Bestehen und die Kirchen luden zu gemeinsamen Vorträgen über "Antiautoritäre Erziehung" oder "Mengenlehre für Eltern" ein. Der junge Reiterverein bot eine 10-Km lange Hubertusjagd an und der KuVV organisierte ein Minigolfturnier mit Kurgastteams aus den Sanatorien Rochus, Gantner und Sigel. Lärmbeschwerden zwangen die Modellflieger aus Langenbrücken, die südlich des Mozartweges geflogen waren, den neuen Modellflugplatz im Bruch in Mingolsheim zu beziehen.

Der frischgewählte Gemeinderat befasste sich mit Neubaugebieten, der zu bauenden Bahnüberführung in Langenbrücken, der Flurbereinigung und der neuen gesetzlichen Verpflichtung, den gesamten anfallenden Müll der Gemeinde einzusammeln, wobei die Müllabfuhr wegen Ruhestörung erst nach 8 Uhr arbeiten durfte. Die Ansiedlung der Therme in Mingolsheim wurde beschlossen und dazu aufgerufen der neuen Gesellschaft mit einer Mindesteinlage von 2.000,- DM beizutreten. Die Gemeinde behielt 51 % der Anteile. Zur Sicherheit wurde über Fußwege entlang der B292 beraten - zumindest "zwischen Schützenhaus und der ICI in Östringen". Das Thema Sonderschule wurde vorangetrieben und die Zusammenlegung der Hauptschulklassen aus beiden Ortsteilen in der Langenbrückener und Mingolsheimer Grund- und Hauptschulen, um dem Fachlehrermangel abzufangen, wurde beschlossen. Ein Bus der SWEG brachte die Schüler fortan in die Ortsteile. Die Realschule verzeichnete damals 120 Neuanmeldungen.

Die Tuchfabrik Gebr. Steinbach feierte ihr 25-jähriges Bestehen, das MEWE Bekleidungszentrum 5 Jahre und viele gewerbliche Inserate belegen einen Lehrlingsmangel bei örtlichen Handwerkern. Aktuelle Probleme gab es damals auch schon: Mit "Millionen sind zu dick" bewarb eine örtliche Drogerie die "neuen Karlsbader Abführdragees". Auch die Wahlwerbung für sowohl die Landtagswahl als auch die Bundestagswahl spiegeln diese spannende Epoche in unserem (Bundes-)Land. Ein Kasten Coburger Pils (mit zwanzig 0,5-l-Flaschen) kostete 8,50 DM, eine einteilige Matratze 49,- DM und eine 100-g-Tafel Schokolade 39 Pfennig.

Die Bürger*innen über 14 Jahre mussten zur verpflichtenden Röntgenreihenuntersuchung antreten und die jüngeren zur Pockenschutzimpfung. Dem Ärztemangel in Mingolsheim wurde mit der Ansiedlung der Praxis Nawrath und Schäffner entgegengewirkt. Die Brückenheiligen in Langenbrücken wurde zwecks Erhalt in die Kirche St. Vitus umgesiedelt. An ihrer Stelle an der B3 kamen naturgetreue Kopien.

Das Schaltjahr 1972 war auch noch 2 Schaltsekunden länger als sonst. Es wurde von der Geiselnahme und Ermordung elf israelischer Athleten bei der Olympiade in München überschattet.
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Redakteur / Urheber